Leben ohne Krankenversicherung: Versorgungsangebot in Köln
Köln (ddp). Auf den ersten Blick haben sie nichts weiter gemeinsam: der junge Mann mit den Rasta-Locken, die Dame mit den angegrauten Haaren und die anderen Menschen im kleinen Warteraum im St.-Hildegardis-Krankenhaus in Köln. Eines jedoch verbindet sie alle: Sie sind akut erkrankt und haben keine Krankenversicherung. Hier bekommen sie seit gut einem Jahr trotzdem Hilfe. Zu der Sprechstunde der «Malteser Migranten Medizin» kommt keiner wegen kleiner Wehwehchen, sondern erst, wenn es wirklich notwendig ist. Verschleppte Knochenbrüche, Nierensteine oder ein Hirntumor - die Liste der Erkrankungen, die der medizinische Leiter Herbert Breker aufzählt, ist lang. «Einige unserer Patienten, sagt Breker, »wären ohne die Behandlung jetzt tot«. Breker ist 67, sieht aber gut zehn Jahre jünger aus, auf seinem weißen Kittel prangt auf rotem Grund das weiße Malteserkreuz. 28 Jahre lang war der Internist Chefarzt in einem Ordenskrankenhaus, dann kam die Pensionierung und jetzt ist er jede Woche ein paar Stunden lang für die da, die sonst vergessen werden. Das Angebot werde von immer mehr Menschen angenommen, erklärt Angelika Haentjes-Börgers, die bei den Maltesern für das Projekt verantwortlich ist. Im ersten halben Jahr seien es rund 130 Patienten gewesen, nach einem Jahr bereits 400. »Unsere Einrichtung spricht sich eben herum.« Die Zahl der potenziell Bedürftigen ist groß. Schätzungen zufolge sollen bis zu eine Million Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland leben, die von vorneherein vom öffentlichen Gesundheitssystem ausgeschlossen sind. Dazu kommen nach Malteser-Angaben bis zu 400.000 deutsche Staatsbürger ohne Krankenversicherung. Von den Betroffenen im Wartezimmer selbst will keiner mit der Presse reden, zu groß die Scham und die Angst, erkannt zu werden. Arzt Breker hat schon einen marokkanischen Physiker, der in Deutschland Putzen geht, behandelt. Auch ein Panflötenspieler, der seine Familie in Südamerika miternährt und Touristinnen aus Äthiopien gehörten zu seinen Patienten. Aber nicht nur Menschen aus aller Welt kommen zu ihm - rund 30 Prozent der Patienten sind Deutsche. Denn in der Bundesrepublik gibt es keine Pflichtversicherung, man kann den Krankenversicherungsschutz verlieren. Bei den Betroffenen handele es sich meist um »insolvente Selbstständige«, wie Breker erklärt. Auch Menschen, die lange Zeit im Ausland gelebt haben, oder Geschiedene seien darunter. Neben dem Chefarzt im Ruhestand arbeiten zwei Ärzte und eine Krankenschwester ehrenamtlich bei der wöchentlichen Sprechstunde mit. Kosten für Medikamente und nötige Weiterbehandlungen wie Operationen werden durch Spenden aufgebracht. Die Betroffenen beteiligen sich je nach Geldbeutel auch selbst. »Wir füllen eine Lücke, wo andere versagen«, sagt Haentjes-Börgers. Bedarf an solchen Angeboten gebe es jedoch in allen Großstädten. Sie bezeichnet es als »unwürdig«, Menschen von der normalen Gesundheitsversorgung auszuschließen. Sie berichtet von einem Mann, der 600 Euro netto verdient und 280 Euro Krankenversicherung zahlen müsste. »Das kann er sich einfach nicht leisten.« 2001 starteten die Malteser in Berlin das erste Projekt dieser Art, auch in München gibt es inzwischen eine Vertretung. Weitere, darunter in Darmstadt, sind in Planung. Die Kölner Einrichtung, die im Juli 2005 ihre Arbeit aufnahm, ist die einzige in NRW. »Wir wollen Bedürftigen einfach helfen und keine politischen Forderungen stellen«, betont Haentjes-Börgers. Sie wünsche sich allerdings, dass »endlich eine bezahlbare Basisversicherung für alle eingeführt wird«. Denn ohne Krankenversicherung zu leben, sagt die Malteser-Vertreterin, »ist die unterste Stufe, das ist schlimmer als 'Hartz IV'".
Quelle: Netdoctor
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