Wiesbaden (ddp). Der Fall der acht Jahre nach ihrer Entführung wieder aufgetauchten Natascha Kampusch aus Österreich bedeutet nach Ansicht des Psychologen Rudolf Egg eine starke emotionale Belastung für andere Eltern in ähnlicher Situation. «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein vermisstes Kind nach so langer Zeit zurück kommt, ist sehr sehr gering«, sagte der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden am Freitag auf ddp-Anfrage. Die Eltern hätten die schlimmste Möglichkeit, »dass ihr Kind tot ist, vor Augen. Und dann gibt es plötzlich doch so einen Fall.» Er fügte hinzu: "Ich denke, das ist eher eine Belastung, weil kaum realistische Hoffnung besteht, dass sich so ein Fall in naher Zukunft wiederholt.» Betroffene quälten sich ähnlich wie bei schweren Krankheiten mit der Frage, warum sie kein Glück hätten. «Sie müssen weiter zwischen Hoffen und Bangen schweben. Das Schwierigste ist ja, dass man nicht abschließen kann», betonte Egg. Die Gründerin der privaten Internet-Initiative
www.gesuchte-kinder.de, Nicole Luck, sagte: «Ich glaube, dass dieser Fall bei Eltern von vermissten Kindern ein völliges Gefühlschaos auslöst.» Die Hoffnung, dass das Kind wieder auftauche, sterbe zwar nie, sie trete aber im Alltag etwas in den Hintergrund. «Durch solche Nachrichten bricht alles wieder nach oben». Die Münchnerin betreibt die Seite, mit der sie bei der Suche nach Verschwundenen helfen will, seit 1998. In dieser Zeit habe sie erst drei Fälle aufgelistet, in denen entführte Kinder wieder aufgetaucht seien. Die 18-jährige Natascha war acht Jahre lang in der Nähe von Wien von ihrem Entführer in einem Verlies unter einer Garage gefangen gehalten worden, bis ihr am Mittwoch die Flucht gelang. Im Alter von zehn Jahren war sie im März 1998 auf dem Schulweg entführt worden. Der Täter beging wenige Stunden nach Nataschas Flucht Selbstmord.
Quelle: Netdoctor