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  #1  
Alt 20.12.2005, 22:03
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Flipy Flipy ist offline
Teammitglied - Ansprechpartner für Fragen zum Sozialrecht
 
Registriert seit: 01.04.2005
Ort: Hamburg
Beiträge: 4.196
Standard Der kleine Prinz

In diesem Augenblick erschien der Fuchs
„Guten Tag“, sagte der Fuchs.
„Guten Tag“, antwortete höflich der kleine Prinz,
der sich umdrehte, aber nichts sah.
„Ich bin da“, sagte die Stimme, „unter dem Apfel-
baum...“
„Wer bist Du?“, sagte der kleine Prinz. „Du bist sehr
hübsch...“
„Ich bin ein Fuchs.“, sagte der Fuchs.
„Komm und spiel mit mir.“, schlug ihm der kleine
Prinz vor. „Ich bin so traurig...“
„Ich kann nicht mit dir spielen“, sagte der Fuchs. „Ich
bin noch nicht gezähmt!“
„Ah, Verzeihung!“, sagte der kleine Prinz.
Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:
„Was bedeutete >gezähmt<?“
„Du bist nicht von hier“, sagte der Fuchs, „was suchst
du?“
„Ich suche die Menschen“, sagte der kleine Prinz.
„Was bedeutet >zähmen<?“
„Die Menschen“, sagte der Fuchs, „die haben Gewehre
und schießen. Das ist sehr lästig. Sie ziehen auch
Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du suchst
Hühner?“
„Nein.“ Sagte der kleine Prinz, „ich suche Freunde.
Was heißt >zähmen<?“
„Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“,
sagte der Fuchs. „Es bedeutet, sich >vertraut machen>.“
„Vertraut machen?“
„Gewiss.“ Sagte der Fuchs. „Noch bist du für mich
nichts als ein kleiner Junge, der hunderttausend kleinen´
Jungen völlig gleicht. Ich brauche Dich nicht und
Du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für Dich
Nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber
Wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen.
Du wirst für mich einzig sein in der Welt....“
„Ich beginne zu verstehen.“, sagte der kleine Prinz.
„Es gibt eine Blume... ich glaube, sie hat mich gezähmt....“
„Das ist möglich.“, sagte der Fuchs. „Man trifft auf der
Erde alle möglichen Dinge...“
„Oh, das ist nicht auf der Erde.“, sagte der kleine Prinz.
Der Fuchs schien sehr aufgeregt:
„Auf einem anderen Planeten?“
„Ja.“
„Gibt es Jäger auf diesem Planeten?“
„Nein.“
„Das ist interessant! Und Hühner?“
„Nein.“
„Nichts ist vollkommen!“, seufzte der Fuchs
Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück:
„Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen
jagen mich. Alle Hühner gleichen einander und
alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich
also ein wenig. Aber wenn Du mich zähmst, wird mein
Leben voller Sonne sein. Ich werde den Klang Deines
Schrittes kennen, der sich von allen anderen unterscheidet.
Die anderen Schritte jagen mich durch die Erde.
Der Deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken.
Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder?
Ich esse kein Brot. Für mich ist Weizen
Zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts.
Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar.
Oh, es wird wunderbar sein, wenn Du mich einmal
gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich
an Dich erinner. Und ich werde das Rauschen des
Windes im Getreide lieb gewinnen.“
Der Fuchs verstummte und schaute den kleinen
Prinzen lange an.
„Bitte ... zähme mich!“, sagte er.
„Ich möchte wohl.“, antwortete der kleine Prinz,
„aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden
und viele Dinge kennen lernen.“
„Man lernt nur die Dinge, die man zähmt“, sagte
der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr,
irgendetwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alles
fertig in Geschäften. Aber da es keinen Kaufladen
für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr.
Wenn Du einen Freund willst, so zähme mich!“
„Was muss ich da tun?“, sagte der kleine Prinz.
„Du musst sehr geduldig sein.“, antwortete der Fuchs.
„Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins
Gras. Ich werde Dich so verstohlen, so aus den Augenwinkeln
anschauen und du wirst nichts sagen. Die Sprache
ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden
Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können....“
Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.
„Es wäre besser gewesen, Du wärst zur selben Stunde
wiedergekommen.“, sagte der Fuchs. „Wenn du zum
Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich
um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die
Zeit vergeht, umso glücklicher werde ich mich fühlen.
Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und
Beunruhigen. Ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist.
Wenn Du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen,
wann mein Herz da sein soll... Es muss feste
Bräuche geben.“
„Was heißt >fester Bräuche<?“, sagte der kleine Prinz.
„Auch etwas in Vergessenheit geratenes.“, sagte der
Fuchs. „Es ist das, was einen Tag von den anderen unterscheidet,
eine Stunde von den anderen Stunden. Es gibt
zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie
tanzen am Donnerstag mit den Mädchen des Dorfes. Daher
ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe
bis zum Weinberg spaziere. Wenn die Jäger irgendwann
einmal zum Tanzen gingen, wären die Tage alle
gleich und ich hätte niemals Ferien.“
So machte der kleine Prinz den Fuchs sich vertraut.
Und als die Stunde des Abschieds nahe war:
„Ach!“, sagte der Fuchs, „ich werde weinen.“
„Das ist Deine Schuld“, sagte der kleine Prinz, „ich
wünschte Dir nichts Übles, aber Du hast gewollt, dass
ich Dich zähme.“
„Gewiss.“, sagte der Fuchs.
„Aber nun wirst Du weinen!“, sagte der kleine Prinz.
„Bestimmt“, sagte der Fuchs.
„So hast du also nichts gewonnen!“
„Ich habe“, sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens
gewonnen.“
Dann fügte er hinzu:
„Geh die Rose wieder anschauen. Du wirst begreifen,
dass die Deine einzig ist in der Welt. Du wirst wiederkommen
und mir adieu sagen, und ich werde Dir
ein Geheimnis schenken.“

Der kleine Prinz ging, die Rosen wieder zu sehen.
„Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid
noch nichts.“, sagte er zu ihnen. „Niemand hat sich Euch
vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem
vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war
nichts als ein Fuchs wie hunderttausende andere. Aber
ich habe ihn zu meinem Freund gemacht und jetzt ist
er einzig in der Welt.“
Und die Rosen waren sehr beschämt.
„Ihr seit schön, aber ihr seid leer.“, sagte er noch.
„Man kann für euch nicht sterben. Gewiss, ein Irgendwer,
der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose sei
euch ähnlich. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr
alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die
ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die
ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist,
denen ich Raupen getötet habe (außer den zwei, oder
drei um der Schmetterlinge willen.) Da sie es ist, die
ich klage oder sich rühmen gehört habe oder auch
manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.“

Und er kam zum Fuchs zurück.
„Adieu“, sagte er.
„Adieu“, sagte der Fuchs. „Hier mein Geheimnis. Es
ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“,
wiederholte der kleine Prinz, um es sich besser zu merken.
„Die Zeit, die Du für Deine Rose verloren hast, sie
macht Deine Rose so wichtig“
„Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe...“,
sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
Und er warf sich ins Gras und weinte.
„Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen.“,
sagte der Fuchs. „Aber Du darfst sie nicht vergessen,
Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir
Vertraut gemacht hast. Du bist für Deine Rose verantwortlich...“
„Ich bin für meine Rose verantwortlich...“,
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

(Auszug aus „Der kleine Prinz“ von Antoine De Saint-Exupéry Kapital XXI)

Der letzte Absatz ist so ungemein schwer, und drückt doch alles sowohl zur Freundschaft, als auch zur Liebe aus.

Flipi
__________________
Ich bin der Ansprechpartner für Fragen zum Sozialrecht. Ich kann Hinweise geben, aber für eine Rechtsberatung sucht bitte einen Anwalt Eures Vertrauens auf.

Hemingway hat einmal gesagt:"Es gibt kein Problem, dass man nicht mit einem doppelten Scotch lösen kann", und dann hat er sich erschossen. (DmVgGzP)
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