Suchtgefahr
Neuer Leitfaden zu Medikamenten-Abhängigkeit
Die Bundesärztekammer hat einen neuen Leitfaden „Medikamente – schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit“ erarbeitet. Der Leitfaden wird von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen begrüßt, die Ärzten eine Mitschuld an der hohen Zahl medikamentenabhängiger Menschen in Deutschland geben.
Vor allem bei Schlafstörungen verordnen Ärzte ihren Patienten oft viel zu schnell Medikamente, kritisieren Suchtexperten. Foto: stock.xchng
03.04.07 - Die Bundesärztekammer (BÄK) hat in Zusammenarbeit mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sowie Fachleuten des Suchthilfesystems und Vertretern von Patientenorganisationen einen Leitfaden "Medikamente - schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit" erarbeitet. Er soll zu einer frühen Erkennung von gefährdeten Patienten beitragen und Hilfestellung für ihre Behandlung leisten.
In Deutschland sind etwa 1,5 Millionen Menschen medikamentenabhängig, darunter vor allem ältere Menschen und etwa doppelt so viele Frauen wie Männer. Eine ähnlich große Zahl wird von Experten als mittel- bis hochgradig gefährdet eingestuft, eine Medikamentenabhängigkeit zu entwickeln. Die meisten der Erkrankten sind von Benzodiazepinen abhängig. Benzodiaprene werden insbesondere bei Schlafstörungen oder Unruhezuständen verschrieben werden.
Ärzte verlieren oft Verordnungsdauer aus den Augen
Nach Ansicht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm sind viele medikamentenabhängige Menschen auch von ihren Ärzten in die
Sucht getrieben worden. Ärzte kümmerten sich häufig nicht um die maximale Verordnungsdauer, über die hinaus ein Medikament abhängig mache, sagt Geschäftsführer Rolf Hüllinghorst. "Bei solchen Medikamenten darf nicht einfach die Sprechstundenhilfe ein neues Rezept ausstellen, sondern der Arzt muss seine Verordnung regelmäßig überprüfen", sagte er.
Hüllinghorst begrüßte den neuen Ärzte-Leitfaden. Ärzte hätten eine enorm wichtige Rolle. "Patienten geben ihre Selbstverantwortung doch an der Praxistür ab. Dann kommt der weiß gekleidete Doktor, und alles was der sagt, ist richtig", sagte Hüllinghorst. Selbst wenn ein Arzt Medikamente mit Suchtpotenzial viel zu lange verordne, zweifle dies kaum ein Patient an. Vor allem bei Schlafstörungen griffen viele Ärzte viel zu schnell zu Medikamenten mit langfristigen Nebenwirkungen, anstatt zunächst einmal auf sanfte Alternativen wie einen Baldriantee oder abendliche Spaziergänge hinzuweisen. dpa / hh