Die Bettlerin und die Rose
Anna Theisen
in Anlehnung an die Geschichte "Die Rose" von Rainer Maria Rilke
Eine alte Bettlerin saß tagein tagaus auf den untersten Stufen der steinernen Treppe vor dem Markplatz. Jeder, der den Marktplatz überqueren wollte, kam an ihr vorbei, von daher kannten viele sie.
Immer saß sie mit geneigtem Haupt und traurigen Augen da und mochte die Leute, die ihr Geld vor die Füße warfen, nicht ansehen. Wenn sie das nötige Geld zusammen hatte, um ihr tägliches Brot zu bezahlen, stand sie auf und ging.
Eines Morgens kam ein Kind vorbei, welches zusammen mit seinem Vater einen riesigen Strauß Rosen für seine Mutter auf dem Markt gekauft hatte. Das Kind sah die Bettlerin, nahm von dem großen Rosenstrauß eine Rose heraus und legte sie ihr in den Schoß. Die Bettlerin schaute auf, sah dem Kind in die Augen. "Danke, mein Kind", flüsterte sie und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
An den darauf folgenden Tagen wurde die alte Frau nicht an dem Marktplatz auf ihren Stufen gesehen und die Leute fragten sich bald, was geschehen sein mochte. Nach einer ganzen Woche sah man sie schließlich wieder auf dem gewohnten Platz.
Da kam ein Mann auf sie zu und sprach: "Gute Frau, Ihr ward so lange nicht mehr hier. Wovon hat Ihr denn gelebt?" Die alte Bettlerin schaute selbstbewusst, mit klaren Augen und festem Lächeln den Mann an und sagte:
"Von einer Rose!"