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  #1  
Alt 22.01.2007, 13:18
vienetta vienetta ist offline
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Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
Standard Kindheit und Therapie -Gratwanderung zwischen Förderung und Überforderung

Kindheit und Therapie – Gratwanderung zwischen Förderung und Überforderung

Dorothea Wolf-Stiegemeyer
erschienen in: ZUSAMMEN 2/2000


Im Vordergrund der therapeutischen Arbeit mit dem Kind steht der kleine Mensch mit seinem Bedürfnis und der Fähigkeit sich zu entwickeln! Aber wie erkenne ich als Mutter welche Therapie zu welchem Zeitpunkt für mein Kind die richtige ist?
Nach der Geburt meiner Tochter und der Diagnose der Schwerstbehinderung befand ich mich in einer regelrechten Zwickmühle! Als Mutter war ich für mein Kind und sein Wohlergehen verantwortlich! Die Medizin und Therapien suggerierten die Möglichkeit des Heil-Seins und Gesund-Werdens. Die Therapeuten und Ärzte sahen oft nur die behandlungsbedürftige Behinderung. Ich selber steckte in einer heftigen Krise und hatte Schwierigkeiten den Verlust meines gesunden Kindes zu verarbeiten. Am Anfang war ich nicht in der Lage mich selber und meine Vorstellungen richtig wahrzunehmen. Hinter meinem kleinen Mädchen stand eine übergroße BEHINDERUNG. Wie verheißungsvoll schienen da die Therapien zu sein! Die vielfältigsten Therapien versprachen die tollsten Erfolge. Also „ran ans Werk“!
Sie sollte Laufen lernen

Die Ärzte hatten gesagt, dass ich froh sein soll, wenn mein Baby irgendwann einmal sitzen lernt. Damit konnte ich mich nicht abfinden! Manuela sollte Laufen lernen! Laufen als Symbol für Selbständigkeit und als ein so wichtiges Charakteristikum des Menschen. Und Vojta-Turnen versprach meinem Ziel näher zu kommen. Manuela habe ich nicht gefragt, sondern einfach vorausgesetzt, dass mein Interesse auch dem ihren entspricht. Dabei war sie von dieser Gymnastik alles andere als begeistert. In den ersten Jahren haben wir uns 3 – 5mal täglich gequält. Es war manchmal, als wenn ich mein Kind vergewaltigte; da änderte auch das anschließende Trösten und Schmusen letztendlich nichts.
Mit drei Jahren machte sie ihre ersten Schritte alleine. Heute mit 14 Jahren bewegt sie sich recht sicher und oft sogar recht schnell. Manuela und ich sind beide glücklich über ihre gewonnene Selbständigkeit, die ihr diese Fortbewegung ermöglicht. Sie ist in diesem Bereich kaum noch auf meine Hilfe angewiesen und fühlt sich frei! Aber wie viel Freiheit habe ich ihr in den ersten drei Jahren ihres Lebens genommen? Hätte ich durch andere Förderung das Gleiche erreichen können? Welche Auswirkungen hatten die massiven Eingriffe des Vojta-Turnens auf ihre Seele, wo sie mich selber schon so betroffen gemacht haben? Diese Fragen begleiten mich noch heute und ich werde mit Vermutungen leben müssen!
Die Vojta-Gymnastik war wohl die „aggressivste“ Therapie in Manuelas Leben. Danach fühlte ich mich mehr in der Lage nach Therapien Ausschau zu halten, die auch Manuelas „Vorstellungen“ entgegenkamen.
Aufgrund ihres starken Autismus haben wir dann über mehrere Jahre die Delacato-Therapie angewandt. Hier war Manuelas Einverständnis erforderlich und oft musste sie aktiv mitwirken. Die zeitlich präzise aufeinander folgenden Einheiten taten ihr in ihrem damaligen Zustand sehr gut und erleichterten ihr den Alltag, da sie 24 Stunden am Tag Struktur benötigte. Dies gab ihr einfach mehr Lebenssicherheit.
Viele Inhalte der Delacato-Therapie betrafen die Sinneswahrnehmungen und konnten auch später im Alltag angewendet werden. Sei es das Schaukeln und Schwingen für den Gleichgewichtssinn. Die taktilen Erfahrungen über die Haut (Reiben, Massagegerät, Kalt-Warm-Erfahrungen) oder die propriozeptiven Wahrnehmungen für die Eigenwahrnehmung (der Muskeln). Drei Monate habe ich nur mit Manuela geflüstert. Danach war sie endlich in der Lage auch normale Sprache zu ertragen.
Immer wieder versuchte ich auch andere Kinder und Erwachsene in diese Therapie zu integrieren und den Therapie-Charakter zu „entschärfen“. Die täglichen 3 Stunden stellten – soweit ich beobachtet habe – eher für mich als für Manuela eine Belastung dar. Sie selber schien all die Anreize zu bekommen, die für ihr Wohlbefinden wichtig waren. Dies war auch wohl der Grund, warum ich die Dauerverpflichtung trotz eines Babys über Jahre durchhielt.
Manuela fühlte sich ausgeglichener, trat langsam in unsere Welt ein und war viel weniger autoaggressiv.
Nur mit ihrer Zustimmung...

Im Laufe der Jahre folgten noch verschiedene andere Therapien (Logopädie, Chirophonetik, Gymnastik, Edukinesthetik, Tomatis-Therapie, Cranio-sacral), die aber nie wieder gegen Manuelas Willen durchgeführt wurden.
Jede Therapie erfolgte zur richtigen Zeit und gab Manuela wichtige Entwicklungsimpulse. Jede Therapie „verblasste“ aber auch nach kurzer oder längerer Zeit; d.h. der sichtbare Erfolg war am Anfang oft recht deutlich, aber irgendwann kam der Zeitpunkt wo der Aufwand und die Anstrengungen in keinem Verhältnis mehr zu den erzielten Fortschritten standen. Dies war der Zeitpunkt eine neue Form der Therapie in Angriff zu nehmen, die an den gegenwärtigen Entwicklungsstand anknüpfen konnte. Im Laufe unserer 14jährigen Therapiegeschichte haben wir uns bemüht möglichst nur eine Therapie während einer bestimmten Zeitspanne durchzuführen, um auch noch Alltag und einfach Miteinander-Sein erleben zu können. Die große Unruhe ein umfangreiches und vielfältiges Therapieangebot durchführen zu müssen, das oft zu einer regelrechten Aneinanderreihung von Therapien innerhalb einer Woche führen kann, hat sich Gott-sei-Dank in eine gewisse Gelassenheit gewandelt. Alles kommt zu seiner Zeit!
Die wichtigste Erkenntnis war jedoch, Therapie niemals an dem Kind sondern nur noch mit dem Kind durchzuführen.
Im Laufe der Jahre habe ich große Bewunderung für meine Tochter entwickelt. Wie viel Kraft, Willen und Ausdauer bringt sie auf, um „Kleinigkeiten“ zu erlernen. Die wenigsten Dinge gehen ihr einfach so von der Hand. Wie viele Enttäuschungen hat sie erlebt und sich doch immer wieder neu angestrengt?! Welche Freude lebt sie regelrecht aus, wenn sie z.B. die Bordsteinkante alleine „bezwungen“ oder eine Tüte Kastanien gesammelt hat!
Alltag ist die beste Therapie

Wir haben gelernt, dass Therapie erforderlich und fördernd sein kann.
Die für uns alle beste Therapie ist jedoch das alltägliche Leben. Motorische Förderung haben wir bei jedem Spaziergang und auch im Haus, z.B. beim Treppensteigen. Feinmotorik stärken wir bei jedem Essen, jedem Malen, bei fast allen Spielen, beim Öffnen einer Flasche, etc. Das Gleichgewicht wird bei fast jeder Bewegung angesprochen und hat sich im Laufe der Jahre mehr und mehr verbessert.
Wenn meine Tochter den Mülleimer ausleert wird mir als Mutter erst richtig klar, was bei dieser eigentlich simplen Tätigkeit alles zu leisten ist. Sie muss den Mülleimer anheben, mit diesem um manches Hindernis herum bis zu unserem Carport gehen, den großen Mülleimer öffnen, obwohl doch beide Hände den kleinen Mülleimer halten. Und dann kommt das Schwierigste: das zielgerichtete Umkippen. Und dann den Weg wieder zurück. Alltagskram? Für Manuela eine „Höchstleistung“, die ganz viele motorische, feinmotorische, vestibuläre (=bezogen auf das Gleichgewicht) und auch organisierende Fähigkeiten erfordert. Anders als bei vielen Therapien hat sie dabei aber das Gefühl etwas Sinnvolles zu machen. Sie hat eine Aufgabe, ist Teil der Familiengemeinschaft und stolz auf ihren Erfolg. Das Gleiche gilt für ihre anderen Aufgaben, wie z.B. die Spülmaschine auszuräumen.
Natürlich könnte ich all diese Tätigkeiten viel schneller alleine erledigen. Aber es geht doch um Manuelas Entwicklung, um ihr Wohlbefinden und ihre Selbständigkeit. Und auch um die Selbstbestimmung. Sie weiß, dass sie die jeweilige Aufgabe im Laufe des Nachmittags erfüllen muss, sie kann aber innerhalb dieses Zeitrahmens mitbestimmen, indem sie entscheidet, wann sie es erledigt.
Vielleicht sollte ich noch einmal zum besseren Verständnis hinzufügen, dass meine Tochter von Ärzten als schwer- oder schwerstbehindert eingestuft ist.
Für mich war und ist es nicht immer leicht adäquate Tätigkeiten für Manuela zu finden, sie an diese neue Aufgabe heranzuführen und die Geduld und Zeit für die ständigen Wiederholungen aufzubringen.
Wie finde ich die richtige Form der Förderung, ohne sie zu überfordern? Welche Therapie lässt sich so in ihr und unser Leben integrieren, dass sie keine oder nur eine geringe Belastung darstellt und ihr nicht immer wieder das Gefühl gibt nicht „richtig“ zu sein?
Wenn wir als Eltern aufmerksam auf die „normale“ Entwicklung von Kindern und auf unsere Alltagsmöglichkeiten schauen, bieten sich so viele Möglichkeiten der Förderung. Dies kann selbstverständlich nicht alle Therapien ersetzen, aber diese sicherlich gut ergänzen.
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  #2  
Alt 22.01.2007, 14:07
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evma evma ist offline
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meiner meinung nach therapie mit freude sollte ein kind machen und keine überforderung
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