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  #1  
Alt 05.03.2007, 10:36
vienetta vienetta ist offline
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Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
Standard Zur Festhalte-Therapie, bekannt von Jirina Prokop

Wenn Kinder festgehalten werden
Die Auswirkungen der Festhaltetherapie auf die innere Entwicklung des Kindes
Nachdem wir in unseren Seminaren und auch Einzelberatungen immer wieder mit den sehr bedenklichen Folgen des "Festhaltens" von Kindern zu tun haben, möchte ich an dieser Stelle kurz auf dieses Thema eingehen. Bisher haben wir uns eigentlich immer sehr zurückgehalten in der offenen Kritik von irgendwelchen pädagogischen Methoden, aber in diesem Fall fühle ich mich doch verpflichtet, mich zu äußern, zumal das Festhalten allen anderen Ansätzen zuwiderläuft, die wir in unserer Zeitschrift vertreten.
Die sogenannte Festhaltetherapie entstand eigentlich aus der Behandlung von behinderten, insbesondere von autistischen Kindern. Dort war sie schon kurz nach ihrem Auftauchen sehr umstritten, und wie ich von verschiedenen Seiten gehört habe, spielt sie in diesem Bereich keine bedeutende Rolle mehr. Umso mehr Popularität genießt sie als Methode für Eltern, die ihre Kinder als "kleine Tyrannen" erleben oder einfach nicht mehr weiter wissen und in ihrer Ratlosigkeit stecken geblieben sind. Aber inzwischen wird sie nicht nur für schwierige Kinder, sondern ganz grundsätzlich empfohlen, um Kindern von Anfang an "Halt zu geben" und sie unsere "Liebe spüren zu lassen". Auch in Paarbeziehungen wird das Festhalten als Grundlage einer neuen Lebensform gesehen und propagiert.
In einem Interview in einer Zeitschrift für Naturheilkunde[1] spricht Jirina Prekop unter anderem von der spirituellen Dimension ihres Ansatzes und stellt fest, daß es im "Namen der Liebe" durchaus sinnvoll sei, Kinder auch gegen ihren Willen festzuhalten. Der Widerstand und die Abwehr seien einfach eine automatische Reaktion, bedingt durch den Fluchttrieb des Menschen, den er noch mit den Tieren gemeinsam habe (was eine grobe Fehldeutung der kindlichen Verhaltensweisen ist). Insofern sei es wichtig, diesen Widerstand zu ignorieren und so lange durchzuhalten, bis es zu einem emotionalen Durchbruch komme, der durch Liebe und Nähe gekennzeichnet sei und der schließlich zu einer tragenden Bindung führe. Weise Mütter würden sich von Tränen, Wut und Fluchtversuchen nicht irritieren lassen und durchhalten, bis sich der Prozess in Liebe, Zärtlichkeit und Liebkosungen wandle. Weiter führt sie aus, daß wir uns bewußt sein sollten, daß sich der Mensch nicht nur nach seinen Instinkten richten sollte, denn er verfüge über Höheres, nämlich über das Gewissen und über die Verantwortung, mit der er die Bindungen innerhalb der Familie zu tragen hat.
Was hiermit unterstellt wird, ist natürlich, daß Eltern, die es nicht übers Herz bringen, ihre Kinder gegen deren Willen festzuhalten, hilflos ihren primitiven Instinkten ausgeliefert sind und nicht reif, die volle Verantwortung innerhalb ihrer Familie zu übernehmen. Tatsächlich beruht die Festhaltetherapie selbst auf primitiven Instinkten, da das Prinzip, daß der Stärkere dem Schwächeren seinen Willen aufzwingen kann, dem Tierreich entspringt. Dort dient es dem Erhalt der Evolution, ist aber mit wahrer Menschlichkeit nicht vereinbar. Mensch zu sein ist eine andere Dimension, die z.B. Dina Rees auf wunderbare Weise deutlich macht: "Wenn man Mensch ist, dann gibt es nicht mehr stark oder schwach, sondern es gibt Mitgefühl und Barmherzigkeit. Das ist der Mensch!"
Da das Leben mit Kindern gerade heute mit vielen Fragezeichen versehen ist, erscheint die Festhaltetherapie für manche Eltern ein schneller und wirksamer Weg zum Glück zu sein. In der Tat ist es nicht leicht, die grundlegenden Irrtümer dieses Ansatzes aufzuzeigen, vor allem, wenn sie mit so großer Überzeugung vorgetragen werden. Aber ich möchte doch zumindest auf einige dieser Irrtümer hinweisen. Am Schluß des bereits erwähnten Interviews stellt Jirina Prekop fest: "Ist das Prinzip des Festhaltens nicht eigenartig? Ich halte dich fest, damit du frei bist!" Wenn dies tatsächlich so wäre, wäre das wirklich mehr als eigenartig. Aber wenn wir genauer hinschauen, ist dies natürlich überhaupt nicht so - im Gegenteil. Die Festhaltetherapie verwechselt echtes "Bonding" mit einer Bindung, die letztlich durch einen Akt der Gewalt emotionale Abhängigkeit erzeugt. Natürlich brauchen Kinder "Halt", aber dieser entsteht durch einfühlsames antworten auf die echten Bedürfnisse der Kinder, durch Achtsamkeit und Respekt vor der Integrität und Souveränität des Kindes und nicht durch Festhalten.
An dieser Stelle möchte ich Prof. Dr. Georg Feuser zu Wort kommen lassen, der sich im Rahmen seines Lehrstuhls für Behindertenpädagogik in Bremen intensiv mit der Festhaltetherapie auseinandergesetzt hat. Diese Auseinandersetzung mündete in acht Thesen und einen Aufruf[2] gegen das "Erzwungene Halten". Es würde hier zu weit führen, alle Thesen ausführlich wiederzugeben, aber das Ergebnis der wissenschaftlichen Analyse ist, "...daß die Festhaltetherapie weder pädagogisch noch therapeutisch genannt werden kann, sondern vielmehr als die weitere Persönlichkeitsentwicklung (in Richtung Psychose) gefährdend angesehen werden muß, und alle Elemente einer Folter (!!!) in sich vereint." Das erzwungene Halten sei auch in seinen abgewandelten Formen nur Halt für ohnmächtige Menschen, weil man Macht spüre und etwas erreichen könne, wo man zuvor ohnmächtig war und sich nur versagend erlebte. Sie wirke vor allem durch Brechung des Willens und des sogenannten "Double-Bind" mit dem Ergebnis des Zusammenbruchs der psychischen Organisation (als Entspannung fehlinterpretiert) und der Zerstörung des Ichs. Das Double-Bind gilt in der Psychotherapie als besonders schwer aufzulösende Ursache der verschiedensten psychischen Störungen, da hier Gewaltanwendung mit emotionaler Zuwendung gekoppelt auftritt. Dies ist auch der Grund, warum es nach dem Festhalten zu sehr intensiven emotionalen Zuständen kommen kann, die dann als Liebe bezeichnet werden - tatsächlich aber das Steckenbleiben in alten unaufgelösten Abhängigkeiten widerspiegeln. Die wissenschaftliche Analyse von Prof. Dr. Feuser kommt unter anderem zu dem Schluß: "... daß wir lernen müßten, die Komplexität und Differenziertheit menschlicher Entwicklung und Psyche zu achten und seien sie auch noch so extrem verhaltensauffällig, daß wir lernen müßten, mit den Kindern zu handeln, anstatt sie zu be-handeln."
Dem kann ich nur zustimmen. Man kann es noch so sehr beschönigen - Kinder gegen ihren Willen festzuhalten ist Gewalt und diese wird niemals etwas Positives in der Psyche eines Menschen bewirken können, wie auch Katharina Martin in ihrem nachfolgenden Beitrag betont.
Tatsächlich werden nicht nur das "Ich" und seine Funktionen, sondern auch die innere Struktur des Kindes zerstört. Aus Sicht der spirituellen Psychologie hat ein labiles oder beschädigtes Ich besonders gravierende Folgen. Nicht umsonst kommt es immer wieder vor, daß Menschen als Folge spiritueller Praxis psychisch auseinanderbrechen.
Aus diesem Grund betonen immer mehr spirituelle Lehrer, daß es ein weitestgehend gesundes und stabiles Ich braucht, um einen inneren Weg gehen zu können - selbst wenn es dessen Ziel ist, dieses letztlich zu transzendieren. Dieses gesunde Ich muß in der Lage sein, in der Welt zu leben und dort adäquat zu funktionieren und gleichzeitig die hohen Energien halten können, die sich in einer spirituellen Praxis entwickeln. Wenn also die Abgrenzung oder das deutliche "Nein" von Kindern als Fehlentwicklung interpretiert und sie z.B. durch Festhalten gebrochen werden, kann sich ein gesundes Ich nicht bilden. Eine markante Etappe in der Kindesentwicklung ist die sogenannte Trotzphase von Kleinkindern. Aus innerer Sicht kann man sagen, daß Kinder in diesem Alter beginnen, selbständig zu werden, daß sie anfangen "Ichfunktionen" auszubilden, - und das führt dann leicht dazu, daß die Eltern dies als Ungehorsam ansehen. Auf diese Weise entsteht dann leicht ein Machtkampf, der letztlich vollkommen unnötig ist - auch, wenn es zugegebenermaßen durchaus anstrengend sein kann, einen Weg jenseits der "Machtanwendung" zu finden. Viele Eltern fühlen sich durch das "Nein" des Kindes vielleicht zurückgewiesen oder bekommen Angst, die Kontrolle zu verlieren. Kinder bringen uns immer wieder an unsere eigenen Grenzen, was dann häufig Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht in uns auslöst. Dies ist bedingt durch unsere eigene Geschichte, denn auch wir wurden in unserem Wesen selten wirklich wahrgenommen und durften nicht wirklich leben und uns unserer wahren Natur gemäß entfalten. Und nun fühlen wir uns von der Lebendigkeit und ungebrochenen Kraft unserer Kinder selbst bedroht. So entsteht leicht ein Teufelskreis der Gewaltanwendung, wenn es uns nicht gelingt, diesen zu unterbrechen.
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  #2  
Alt 05.03.2007, 10:37
vienetta vienetta ist offline
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Beiträge: 3.585
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Es geht also darum, Kinder auf eine Weise ins Leben zu begleiten, daß ihre innere Natur möglichst wenig verbogen wird, so daß sie ein gesundes Ich entwickeln und sich so frei wie möglich entfalten können. Da wir selbst in unserer eigenen Kindheit mehr oder weniger beschädigt wurden, verlangt dies von uns, mit unseren Kindern zu wachsen, statt uns zu verhärten und sie nach unseren eigenen Vorstellungen zu erziehen. Dies ist alles andere als leicht, denn es verlangt von uns, etwas bedingungslos zu geben, was wir selbst vielleicht nie bekommen haben. Wie Jon Kabat-Zinn gerne erwähnt, kann es helfen, sie als kleine Buddhas zu sehen, die gekommen sind, uns Achtsamkeit, Liebe, und Mitgefühl zu lehren. Sie fordern unsere Aufmerksamkeit, ständige Präsenz, geben uns laufend neue Rätsel auf und indem wir diese Herausforderung annehmen und uns ihnen voll zuwenden, verwandeln auch wir uns. Ihre Gegenwart berührt uns unmittelbar, und wenn wir offen genug sind, uns innerlich anrühren zu lassen, können sich unsere "Augen des Herzens" öffnen und entwickeln - wir können lernen, bedingungslos zu lieben.
Mit Kindern zu wachsen heißt, sich ständig auf unbekanntes Gebiet zu begeben - immer wieder geraten wir in Situationen, wo wir nicht weiter wissen, den Boden unter den Füßen verlieren und vielleicht auch mit unserer Ohnmacht konfrontiert werden. In solchen Situationen zeigt sich, ob wir mit diesen Gefühlen sein können, ohne auszurasten oder ob wir sie lieber festhalten oder nach einer anderen Erziehungsmethode greifen, die uns helfen soll, unsere Kinder wieder unter Kontrolle zu bringen. Es ist eine grundsätzliche Frage, wie wir mit der Macht umgehen, die wir Kindern gegenüber zweifellos haben - ob wir sie, wie in der Festhalttherapie, gezielt einsetzen, um Kinder mit unserer Übermacht zurechtzubiegen oder ob wir uns auf den Prozess einlassen, einen Weg jenseits der Macht zu finden.
Menschen wie Katharina Martin, Myla und Jon Kabat- Zinn, Jesper Juul, Anna Tardos, Emmi Pikler und Magda Gerber können wertvolle Impulse und Unterstützung geben auf einem solchen Weg. Es geht darum, eine Beziehungsqualität zu entwickeln, die die Integrität, Souveränität und Würde aller Beteiligten respektiert – um die Schaffung einer wahrhaft menschlichen Atmosphäre. Das ist ein hohes Ziel, vor allem, da wir selbst meist auf wenig Erfahrungen in dieser Hinsicht zurückgreifen können und uns unserer Unzulänglichkeiten oft schmerzlich bewußt sind. Aber es ist ein Weg, den zu gehen sich lohnt! Um die Folgen des Festhaltens aus innerer Sicht noch mehr zu verdeutlichen, haben wir auch Katharina Martin gebeten, etwas zu diesem Thema zu schreiben. Ihr Beitrag macht noch einmal deutlich, daß sich ein wirklicher innerer Halt nie durch Zwang oder Gewalt entwickeln kann. Wenn Sie persönlich von diesem Thema betroffen sind und Fragen oder Reaktionen auf unsere Stellungnahme haben, wenden Sie sich bitte an uns. Wenn möglich werden wir alle Zuschriften beantworten. Ich hoffe sehr, daß unsere Beiträge zum Vermeiden und Lindern von unnötigem Leiden beitragen können und Mut machen, die Integrität unserer Kinder zu achten und sie einfühlsam und gewaltlos auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten.
Natürlich brauchen Kinder Halt. Aber dieser entwickelt sich nicht durch Festhalten, sondern dadurch, daß sie sich von uns willkommen geheißen fühlen, daß sie sich gesehen und in ihrem Wesen angenommen und respektiert fühlen und daß wir einfühlsam auf sie eingehen. Kinder brauchen es, so ins Leben begleitet zu werden, daß ihre innere Natur möglichst wenig verbogen wird, so daß sie ein gesundes Ich entwickeln und sich so frei wie möglich entfalten können. [1] Naturheilverfahren & Lebensthemen, Nr. 3, September 2000, erschienen im Dagmar Fischer Verlag, Zwiesele 85 1/4, 88178 Heimenkirch April 2001 13
[2] erschienen in der Zeitschrift "Behindertenpädagogik", 27.Jg., Heft 2/1988, Seite 222-224, Abstract dazu:
Abstract: Dieser Text ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über die Qualität professionellen Handelns im Sozialbereich. Die meisten von uns haben zwar schon einmal von der Haltetherapie bei autistischen Kindern gehört, doch sie wissen nur sehr wenig über die tatsächlichen Behandlungsmaßnahmen. Als ich den Text las, wurde ich wütend und traurig zugleich. Ich finde dieser Text ist ein Muß für jedermann, nicht nur für betroffene (behinderte) Personen, Eltern, Therapeuten oder Pädagogen. ... Georg Feuser kritisiert in diesem Text das "erzwungene Halten", auch bekannt als Festhaltetherapie, welche bei autistischen, schwer psychisch bzw. verhaltensmäßig gestörten und geistigbehinderten Menschen eingesetzt wird. Georg Feuser informiert den Leser über die gewalttätigen Anwendungs- und Wirkungsweisen und über die drohenden Folgen dieser in Deutschland beliebten Therapie. Eine der VertreterInnen dieser Behandlungsform ist Frau Prekop Jirina, die autistische Verhaltensweisen, wie fehlender Blickkontakt oder Distanz, einfach uminterpretiert in ein Gehalten-Werden-Wollen des betroffenen Kindes. Dabei wird die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Eltern schamlos ausgenützt, aber leider auf Kosten der Schwächeren, nämlich der Kinder. (Wie so oft wird menschliche Existenz nicht als sinnvoll oder wertvoll erachtet, wenn sie unseren fixierten normativen Vorstellungen nicht entspricht.) Georg Feusers Kritik betrifft die fehlende wissenschaftliche Analyse dieser Behandlungsform, welche nur auf persönlichen Erfahrungen basiert. (Verlust kritischer Sensibilität, da jeder dieses Verfahren praktizieren darf.) In der Therapie wird dem Kind gezeigt, wer der Stärkere und Mächtigere ist (bei nicht ausreichender Muskelkraft des Behandlers kommt der Festhaltegürtel zum Einsatz), und das Provozieren des kindlichen Widerstandes soll zur Brechung der Macht des Ichs führen (von Frau Prekop als "Regierungssturz" bezeichnet), um den für eine Bindung und Beziehung fördernden Trotz beim Kind zu erreichen. Dabei wird der Wille des Kindes gebrochen, woraufhin dem Kind dann auch noch gesagt wird, daß man es liebe. Da die Vertreter der Festhaltetherapie die Schuld des Fehlverhaltens der Kinder ihren Eltern zuschieben, sind diese dann auch bereit für eine derartige Gewaltanwendung. (= fehlende Aufklärung über die tatsächlichen bzw. realistischeren Ursachen). Die Eltern sind aktive Teilnehmer in der Festhaltetherapie, bilden den verlängerten Arm des Therapeuten. Doch dieses Hineinmanivrieren des Kindes in einen existenzbedrohlichen Zustand, kann als gewaltsame Umkrempelung seiner Persönlichkeitsstrukturen gesehen werden. Georg Feuser geht noch näher auf die Problematik des erzwungenen Haltens ein und erwähnt dabei die extreme Bewegungseinschränkung, das extrem emotional negative Erleben, die Reizüberflutung, die Destabilisierung des Ichs und die Depersonalisierung. Die Festhaltetherapie kann als ein Lernen durch negative Verstärkung und Bestrafung definiert werden, wobei Georg Feuser auf das fehlende Motiv, festgehalten zu werden, hinweist. Frau Prekop spricht zwar von Erfolgen, doch es gibt kaum taugliche Analyen über mögliche Verhaltensänderungen, außerdem verteidigen sich die Behandler bei einem Versagen der Therapie mit dem Hinweis auf zusätzliche Schädigungen bei den Kindern. Im Text werden neben einigen anderen Autoren auch Tinbergen/Tinbergen erwähnt, die Autismus als eine angstdominierte Vermeidungsreaktion beschreiben, die ja gerade durch das "erzwungene Halten" gefördert wird. Somit wird schließlich eine neue Form der angst-dominierten Vermeidungsreaktion in die Persönlichkeitsstruktur eingebaut - Es ist die Rede von einem Dynamischen Stereotyp. (Daniela Serschen, 14. Jan. 99)
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  #3  
Alt 05.03.2007, 10:37
vienetta vienetta ist offline
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Registriert seit: 04.08.2006
Beiträge: 3.585
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Die Gefahr der Halte-Therapie

von Jan Hunt, M.Sc.
übersetzt aus dem Englischen von Rabeneltern.org
Die Halte-Therapie ist eine Praxis, die im Buch "Holding Time" von Martha Welch beschrieben und empfohlen wird. Halte-Therapie bedeutet das zwangsweise Halten des Kindes von einem Therapeuten oder Elternteil, bis das Kind seinen Widerstand aufgibt oder bis eine bestimmte Zeitspanne vorüber ist. Manchmal wird der Zwang erst gelöst, wenn Augenkontakt erfolgt ist. Obwohl diese Therapie ursprünglich für autistische Erwachsene entwickelt wurde, wird sie ebenfalls bei Teenagern und Kindern angewendet, die unter Wahrnehmungsstörungen leiden oder bei Kindern mit Spätfolgen, die aufgrund einer schweren Geburt vermutet werden. Befürworter dieser Methode verteidigen diese mit der Begründung, sie wäre nur zum Besten für das Kind - also genau die selbe Rechtfertigung, die für das Schlagen oder andere Bestrafungen angeführt wird. Die Verwendung des Begriffs "Therapie" macht es Fachleuten, die dieses Vorgehen nicht befürworten, schwer, dagegen vorzugehen und Eltern dabei zu helfen, die Gefahren zu erkennen. Ich beurteile diese Praxis als unvereinbar mit Attachment Parenting (liebevollem Elternsein), welches vor allem eine Beziehung ist, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Es kann für ein Kind außerordentlich hart sein, sein volles und tiefes Vertrauen wiederzugewinnen, nachdem es zwangsweise gehalten wurde – unabhängig von den "guten Absichten" seiner Eltern oder dem Resultat gedankenlosen Verhaltens.
Alice Miller schreibt dazu:
Ich sehe die Haltetherapie als eine Form der Gewaltanwendung an. Leute mit den besten Absichten haben kein Gefühl dafür, was es bedeutet, wenn sie die Rechte einer anderen Person – des Kindes - missachten. Das Ziel ist, das Kind von verbotenen, unterdrückten Gefühlen zu befreien, aber die Gewalt dieser Methode macht es ihm absolut unmöglich, davon zu profitieren (1). Zwang ist nur zum Besten für das Kind und es wird für seine Toleranz, den Zwang zuzulassen, belohnt und geliebt, das ist die Botschaft dieser Methode. Es wird glauben, dass Zwang zu seinem Wohlbefinden beiträgt und letztendlich nur zu seinem Vorteil ist. Ein perfekterer Betrug und eine perfektere Verzerrung der kindlichen Wahrnehmung ist kaum möglich (2).
Es liegt in der menschlichen Natur, die Anwendung von Zwang abzulehnen und sich gegen sie aufzulehnen. Die Anwendung von Halten unter Zwang durch ein Elternteil, wird auf jeden Fall starke Gefühle von Angst, Verwirrung, Hilflosigkeit, Ärger und Verrat beim Kind hervorrufen, weil die natürlichen Versuche des Kindes, sich aus der Umklammerung zu lösen, missachtet werden, von denjenigen, die es liebt und denen es vertraut. Durch das zwangsweise Halten, lernt das Kind, dass Freiheit nur erreichbar ist, wenn es der von außen auferlegten Kontrolle nachgibt – eine gefährliche Lektion, die einem kleinen Kind damit erteilt wird. Der Wille kann gebrochen werden, aber das ist nicht, was ich unter psychischer Gesundheit verstehe. Es ist verantwortungslos, ein Kind, das nicht in der Lage ist, sich frei zu entscheiden, irgendeinem Zwang auszusetzen. Auch wenn ein emotionaler Durchbruch erreicht scheint, wäre der Preis zu hoch, denn es gibt keinen Weg, die kindlichen Gefühle wie Ärger, Frustration, Ablehnung und Verrat, zu vermeiden. Diese intensiven Gefühle können weder momentan, noch ihre Auswirkung in Zukunft eingeschätzt werden. Wie nach Schlägen oder anderen Arten der Bestrafung, das Kind scheint zu gehorchen, während seine tatsächlichen Gefühle verdrängt werden und erst dann zum Ausbruch kommen, wenn es sich stark genug dafür fühlt. Weiterhin ist der echte "Erfolg", wo Zwang angewendet wird, für immer mit Zweifel versehen. Wenn ein Kind nicht "nein" sagen darf, was hat sein "ja" dann wirklich noch für einen Wert? Ein Kind, das gezwungen wird, lernt gutes Benehmen vorzutäuschen. Diese Art der Unaufrichtigkeit ist die Wurzel einer asozialen Persönlichkeit. Die Anwendung von Zwang bei einem Kind ist immer ein Risikofaktor und niemals gerechtfertigt, außer es handelt sich um die Abwendung einer unmittelbaren Gefahr für Leben und Gesundheit und es gibt keine bessere Alternative. Es gibt aber Alternativen – sogar unzählige – für nahezu alle zwangsweisen Maßnahmen von Eltern. Für das unglückliche und aus der Kontrolle geratene Kind ist die beste Alternative vorzubeugen, indem die Grundbedürfnisse des Kindes gestillt werden (ungeteilte Aufmerksamkeit, Nahrung, Schlaf, Beachtung möglicher Allergien, Beseitigung familiärer Stressfaktoren, etc.). Wo Zwang einfach unvermeidbar ist (das Kleinkind rennt auf die Straße), sollte dieser so gering wie möglich sein und es sollten sanfte Erklärungen und Entschuldigungen des Elternteils folgen. Halten unter Zwang, ohne unmittelbare Gefahr, sollten aus humanitären Gründen – die für mich selbstredend sind – in Frage gestellt werden. Und über die angeblichen, von den Befürwortern gesehenen gesundheitliche Vorteile hinaus, kann Zwang eine schwerwiegende psychologische Gefahr darstellen:
... einer unserer wichtigsten Fortschritte beim Verständnis von Gesundheit und Krankheit in den vergangenen Jahrzehnten [...] ist die Identifizierung von typisch krankmachenden Situationen gewesen – in die Falle gelockt werden oder in bedrohliche Umstände und nicht in der Lage sein, weder zu kämpfen, noch zu fliehen. Wenn wir uns nur passiv abfinden können, tendiert unser Gesundheitszustand dazu, sich zu verschlechtern (3). Auf der anderen Seite, wenn wir selbst die Initiative ergreifen können, verbessert er sich.
Auszug aus: The Scientification of Love von Michel Odent, 1999.
Es gibt noch einen weiteren zwingenden Grund der Haltetherapie den Rücken zu kehren: Wie können wir diese Methode in einer Gesellschaft rechtfertigen, in der Kinder – aus gutem Grund – dazu angehalten werden, "nein" zu sagen, wenn sie sich durch Berührung Erwachsener belästigt fühlen? Ob nun ein Elternteil, Therapeut oder Fremder, physische Gewaltanwendung ist falsch. Dies zu rechtfertigen, indem Begriffe wie Liebe oder Therapie verwendet werden, ist eine Verletzung des kindlichen Vertrauens und Selbstverständnisses. Wie alle anderen Formen zwangsweisen Gehorsams, verbindet "Halten unter Zwang" Liebe mit Unterwerfung. Täuschungsmanöver durch das Kind sind wahrscheinlich, weil das Kind versucht etwas zu begreifen, was sein Herz als falsch empfindet, nämlich was es eigentlich unter Liebe versteht. Sanfte, mitfühlende Annäherungen sind mit viel weniger Stress für alle Beteiligten verbunden, als Halten unter Zwang, sind auf lange Sicht wesentlich effektiver und respektvoller dem Kind gegenüber, das vor allem anderen unsere Liebe und Zuneigung verdient. Wie traurig, wenn unser geliebtes Kind in den Armen zu halten – vorausgesetzt der Wunsch beruht auf Gegenseitigkeit – pervertiert würde in eine solche herzlose Praxis.
Quellen:
1 Miller, Alice. Personal communication.
2 Miller, Alice.
Breaking Down the Wall of Silence . New York: Penguin USA, new edition 1997.
3 Maier, S. F. and Seligman, M.E.P. "Learned Helplessness: Theory and Evidence." J. Exp. Psychol. General 1976; 105:3-46.
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  #4  
Alt 05.03.2007, 20:30
Benutzerbild von evma
evma evma ist offline
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Registriert seit: 01.08.2005
Ort: ostsee
Beiträge: 24.215
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diese therapie hat björn damals bekommen kostet aber beiden sehr viel kraft.ich selber bin aber denoch davon begeistert.
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  #5  
Alt 08.05.2009, 09:03
mersin mersin ist offline
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Registriert seit: 17.02.2009
Beiträge: 1
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Zitat:
Zitat von vienetta
Die sogenannte Festhaltetherapie entstand eigentlich aus der Behandlung von behinderten, insbesondere von autistischen Kindern. Dort war sie schon kurz nach ihrem Auftauchen sehr umstritten, und wie ich von verschiedenen Seiten gehört habe, spielt sie in diesem Bereich keine bedeutende Rolle mehr.

Hab gerade diese Texte hier gefunden und möchte mich kurz äußern. Welche Spättraumen eine Festhaltetherapie verursachen kann, müssten ja eigentlich die Fachmänner wie Therapeuten und Ärzte wissen. Hier wäre es wirklich angebracht auch mal über den Tellerrand zu schauen. Wenn man einem Kind das Rückgrad bricht, dann kann man von "Gesundheit" nun wirklich nicht sprechen.

Ich denke dass wir nicht außer Acht lassen dürfen dass es sich bei den sogenannten "Tyrannen" auch um autistische Kinder handeln kann. Sehr oft wird Autismus nicht erkannt oder es wird ADhS diagnostiziert. Man sollte grundsätzlich die Finger von der Festhaltetherapie lassen, wenn es um Kinder oder Behinderte geht. Hier eine Initiative gegen die Festhaltetherapie,an dersich Interessierte anschließen können: http://aspies.de/forum/index.php?t=m...ded=1&&start=0

Die Geschädigten (und die gibt es) freuen sich über jeden Unterstützer.

LG mersin
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